Lindisfarne Castle
Barrington Court
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England wie gemalt – die wunderbare Gartenkunst der Gertrude Jekyll (1843 – 1932)

Wer war sie?

Sie selber bezeichnete sich bescheiden als „Gärtnerin“; aber Gertrude Jekyll hat mit ihrer Begabung für Pflanzen, Gartenplanung und fürs Gärtnern die englische Gartenwelt zum Ende des 19. Jahrhunderts ziemlich umgekrempelt! Sie war eine für ihre Zeit außergewöhnlich unabhängige, fleißig und diszipliniert arbeitende Frau, die als Künstlerin, Autorin und… Gartengestalterin ihren Lebensunterhalt verdiente. Sie studierte Malerei in London, wurde von Turner, Ruskin, der „Arts & Crafts“-Reformbewegung des William Morris beeinflusst und beschäftigte sich mit Architektur, Photographie, Kunsthandwerk. Sie war eng befreundet mit dem irischen Gartenbauer, Journalisten und Autoren („The Wild Garden“) William Robinson, der gegen die viktorianische Strenge formeller Gärten und gegen ermüdend sich wiederholende, akkurate Musterbeete mit empfindlichen Pflänzchen aus dem Gewächshaus anging („bedding mania“). Sie trat für naturnahe Bepflanzung mit heimischen Wildblumen und winterharten, mehrjährigen Stauden ein; sie entwickelte nach eigenen Farbsystemen („wie ein Maler“) komponierte Blütengärten, dicht bepflanzte duftende Rabatte und im Charakter unterschiedliche Gartenbereiche, „Gartenräume“ oder -“zimmer“. Regionale Baustoffe wurden für strukturgebende Elemente (Wege, Mauern usw.) eingesetzt. Ihr eigener Garten Munstead Wood wurde bald weltbekannt und wie eine Art Mekka vielbesucht. Mit dem jungen Architekten Edwin Lutyens (dem Baumeister des Castle Drogo in Devon) bildete sie ein sagenhaftes, erfolgreiches „winning“ Team. Eines der ersten und immer noch berühmtesten Beispiele für die etwa 100 gemeinsamen Projekte sind Hestercombe Gardens in Somerset.
Über Jekyll, die an die 400 Gärten gestaltete, wurde gesagt, sie hätte „England vielleicht mehr verändert als Gott selbst, abgesehen von Capability Brown“ („…changed the face of England more than any save the Creator himself and, perhaps, Capability Brown“…).
Die wunderbaren Gärten der Mrs. Jekyll – sie existieren nicht mehr im Originalzustand; viele gingen verloren, aber einige sind erhalten und restauriert. Und in vielen weiteren berühmten Gärten leben ihre Ideen weiter, die sie in 14 Büchern und gut 2000 Artikeln niedergeschrieben hat. Es war immer ihr „erstes Bestreben, ein schönes Bild zu schaffen“ – Gertrude Jekyll erschuf ihre Gärten und Beete wie Gemälde; sie war eine Malerin mit Gartenschere und Spaten. Sie starb am 08.12.1932 89jährig als „Artist, Gardener, Craftswoman“ (ihre Grabinschrift auf dem Friedhof in Busbridge).


Welche Gärten existieren noch und können besichtigt werden?

Munstead Wood (bei Godalming, Surrey): Weitgereist und viel herumgekommen, zog Jekyll 1883 in Munstead Wood ein – direkt neben dem Anwesen ihrer Mutter. Das schöne, typische Landhaus aus lokalem honigfarbenen Surrey-Sandstein erbaute Lutyens für sie; der Garten, der damals zur Inspiration für die kommenden Gärtner-Generationen werden sollte, entstand auf dem hiesigen Heideland. Aus der eigenen sehr erfolgreichen Gärtnerei konnten Jekylls Auftraggeber die passenden Stauden kaufen. Jekyll lebte und arbeitete hier bis zu ihrem Tode 1932. Im nahen Museum von Godalming werden einige ihrer Bilder, Briefe, Notizbücher und Gartengeräte aufbewahrt.
Munstead Wood ist in privater Hand. Der Garten ist zwar stark verändert; er wurde jedoch ab 1987 an Originalplänen angelehnt renoviert und ist geöffnet. Er kann – nach vorheriger Anmeldung – besichtigt werden. Und in gartenhistorischer Hinsicht gehört er wohl zu den wichtigsten Gärten Englands…

Upton Grey Manor (bei Basingstoke, Hampshire): Mit diesem Garten wurde G. Jekyll 65jährig im Jahr 1908 vom Arts & Crafts-Verleger Charles Holme beauftragt. Auf kreidehaltigem, schräg abfallenden Gelände entstand eine ihrer meisterhaftesten, schönsten Anlagen. 1984, als die Familie Wallinger das Manor kaufte, war alles stark heruntergekommen und total verwildert. Der kleine Hinweis auf Gertrude Jekyll in ihren Unterlagen sagte den nicht besonders garteninteressierten Laien zunächst einmal nichts. Sie bemerkten erst allmählich, welches Erbe sie hier angetreten hatten und besorgten sich Originalpläne aus einer umfassenden Jekyll-Sammlung der Universität von Kalifornien und begannen mit der langwierigen schwierigen Recherche und Instandsetzung, Pflanzenbeschaffung- und züchtung. Mit (dem einzigen erhaltenen) Wildgarten, formalem Garten mit Blütenpracht von Mai bis September, einem versteckten Teich, Orchard, Küchengarten, Staudenrabatten gilt er jetzt als einer der am authentischsten renovierten Jekyll-Gärten, ein Kunstwerk, blumenreich und fein abgestimmt. Über die Renovierung hat Rosamund Wallinger zwei Bücher geschrieben. Upton Grey Gardens sind prinzipiell geöffnet und können – nach vorheriger Anmeldung – besichtigt werden.

Hestercombe (bei Taunton, Somerset): Um 1890 bekam Mr. E.W.B. Portman das Hestercombe House, dessen Geschichte bis ins Mittelalter zurückgeht, zur Hochzeit von seinem Großvater geschenkt. Zum Herrenhaus gehörte damals die viktorianische Südterrasse, ein Rosengarten, eine Rotunde; und ein vernachlässigter georgianischer Landschaftsgarten – mit Wasserfall und künstlichen Tempelruinen. Nun sollte zusätzlich ein formaler, edwardianischer Garten entstehen. Den Auftrag erhielt Edwin Lutyens 1903 mit der wichtigen Vorgabe, einen Schwerpunkt so zu setzen, dass die Aufmerksamkeit des Besuchers von der als unattraktiv und nicht schön empfundenen viktorianischen Fassade des Hauses weggelenkt würde. Er und Gertrude Jekyll schufen in den folgenden fünf Jahren vor der Südterrasse einen großen, abgesunkenen Garten („Great Plat“) – inspiriert vom Tudorstil und der italienischen Renaissance – mit dreieckigen Beeten und diagonaler Geometrie, mit Rasenwegen und südlich abgeschirmt mit einer von Glyzinien, Waldrebe, Geißblatt und vielen anderen Kletterpflanzen überwachsenen Pergola. In zwei höhergelegene, schmale Seitenterrassen legten sie steingefasste Wasserkanäle mit Seerosenteichen; auf die alte Südterrasse kam der „Grey walk“ mit Katzenminze, Schleierkraut, Rosmarin und Lavendel und sie legten einen langen, nordöstlich ausgerichteten Abschnitt mit einer Orangerie, Treppen und dem silbergrau-blättrigen „Dutch Garden“ an. Hestercombe war das erste, gemeinsame große Werk der beiden und zeigt die meisterhafte Zusammenarbeit Jekyll – Lutyens; zwischen „Stein und Pflanze“: der Architekt lieferte streng durchgeplante Strukturen mit Mauern, Treppen, mit Ebenenwechseln, Schmuckkübeln und mit regionalen Baumaterialien. Die Gärtnerin verband mit üppiger, natürlich wirkender Bepflanzung alles mit der umgebenden Landschaft. Sie ließ sich vom Muster alter Handarbeiten inspirieren; und es gehörte auch zum Konzept, dass Treppen- und Bruchsteimauer-Ritzen von kleinen, selbst aussäenden Pflänzchen besiedelt werden können.
Im Krieg und danach verfiel allmählich vieles. Hestercombe war ein wichtiges Truppenquartier und später Sitz von Verwaltung und Feuerbrigade bis 1973 mit der Gartenrestaurierung begonnen wurde. Da hat man zufällig viele Original-Bepflanzungspläne in einer alten Gartenschublade gefunden, wo sie 70 Jahre lang unbehelligt herumgelegen hatten. Weitere Pläne kamen dann noch aus der großen Beatrix-Farrand-Sammlung der kalifornischen Universität Berkeley dazu. So konnten die Wiederbelebung der Jekyll-Werke – in etwas vereinfachter Form, denn die ursprünglichen Jekyll-Entwürfe waren schon damals zu komplex und nicht immer realisierbar gewesen – beginnen. 1995 begann man den fast abgeholzten Landschaftgarten wieder herzurichten, der See wurde ausgebaggert. Seit 1997 ist Hestercombe in den Quantock Hills, mit dem freien Blick in das Taunton Tal hinunter und auf die Blackdown Hills, wieder für Besucher geöffnet.

Barrington Court (bei Ilminster, Somerset): Gertrude Jekyll war bereits über 70 Jahre alt als ihr die Planung der Gärten von Barrington Court übetragen wurden. Ab 1917 wurden zwar nicht alle ihrer Pläne aber doch sehr viele umgesetzt. Heute ist Barrington Court eines der besten Beispiele eines Arts and Crafts Gardens von Gertrude Jekyll. Haus und Garten gehören dem National Trust und können problemlos besichtigt werden.

Lindisfarne Castle (Northumberland): Das Besondere an diesem Gertrude-Jekyll-Garten: er ist sehr klein, weit nördlich und ist rauen Nordseewinden ausgesetzt – und trotzdem zeigt er im Frühsommer und Sommer volle, duftende Blütenpracht. Er ist ein bunter Fleck auf der kleinen Insel „Holy Island of Lindisfarne“.
Gertrude Jekyll plante und bearbeitete ihn ab 1906 bzw. 1911 innerhalb der kleinen Mauer-Umfriedung des früheren Garnisons-Gemüsegartens, vom Castle selbst abgetrennt durch ein paar Gehminuten Distanz. Sie sah in ihrem Pflanzplan (überwiegend für Juli-August) hauptsächlich Blumen vor: Bourbon-Rosen (eine alte Rosensorte), Teehybriden-Rosen, tiefdunkelrote Stockrosen, Sonnenblumen, Herbstanemonen, Gladiolen; graugrüne Arten wie den Byzanthinischen Wollziest und hohe Fetthenne gemischt mit Rittersporn, Kornblumen, Duftwicken, Flockenblumen und Glockenblumen – typisch Jekyll; und ein wenig Obst und Gemüse.
Das war auch deshalb sehr wichtig, weil der Garten ja, nach dem fertigen Umbau des Castles in Ferienwohnungen im „Arts&Crafts“ Stil durch Edwin Lutyens das Auge der dort residierenden Urlaubsgäste erfreuen sollte. Aber die Arbeiten hier machten auch einige Probleme: z.B. mit der Wasserversorgung (ein benötigter Brunnen war irrtümlich zugepflastert worden) oder damit, dass nicht alle der anfänglich eingesetzten Pflanzen, die Jekyll immer in ihren anderen Gärten im südlichen England verwendete, das raue Klima überleben konnten. Jekyll war da bereits in ihren Sechzigern und sehr sehr kurzsichtig. Mit Lutyens fuhr man sie hinüber auf die Insel. Dieser hatte angeblich einen Raben? in einer großen Lederreisetasche dabei, und es gab auch unterhaltsame Abende, wenn zur Gitarre gesungen wurde.
Im April 1920 verlor Edward Hudson (der Bauherr) das Interesse und verkaufte Lindisfarne Castle wieder; es wurde 1944 an den National Trust übertragen.
Die Wiedergeburt des Gartens begann dann ab 1970 in einem ersten Anlauf, und erneut 2003 – nur mit mehr Mitteln ausgestattet. Philippa Hodgkinson erzählt dazu in ihrem Beitrag im großen Buch des National Trust (2005), wie sie als Gärtnerin anhand kaum zu entziffernder Pläne versuchte, die alten Pflanzensorten von Jekyll in historischen Katalogen oder anderen abenteuerlichen Umwegen aufzuspüren, und wie sie sinnvolle Alternativen für diejenigen heraussuchte, die es heute nicht mehr gibt.
Ähnlich wie der St. Michaels Mount in Cornwall ist „Holy Island of Lindisfarne“ eine Gezeiteninsel, also nur Ebbe über einen Fahrdamm erreichbar, bevor die Flut aufläuft (mehrmals jährlich müssen „schiffbrüchige“ Autofahrer von der Seenotrettung geborgen werden…). Für die christliche Geschichte Englands spielte Holy Island eine besondere Rolle wegen der keltisch-irischen Mönche, die 634 aus Iona in Schottland herüberkamen und ein Kloster gründeten. Die Ruinen, die man heute besichtigen kann, stammen von einem späteren Kloster aus dem 12. Jhdt. Außerdem stehen noch einige der Kalköfen („lime kilns“) aus dem 19. Jhdt, in denen eine Firma aus Dundee Kalk brennen ließ und die dafür zeitweise immerhin über 100 Leute beschäftigte. Dann gibt es noch die eigenartigen, umgedrehten Fischerboote („Herring Buses“), die von Lutyens als Werkschuppen benutzt wurden. Die Insel hat außerdem z.B. in Filmen von Roman Polanski und in der britischen „Black Adder“-Serie „mitgespielt“.
Lindisfarne fällt zwar nicht unbedingt allein wegen des Jekyll-Gardens, dessen Bepflanzung ja nicht so aufs Feinste abgestimmt ist wie in anderen großen Jekyll–Gärten, aber wegen der insgesamt so großartigen Szenerie unter das Motto „Das sollten Sie aber gesehen haben“ – vor allem, wenn man die Zeit während der Flut auf der Insel erleben kann.
Das Castle, die Gärten und die Limekilns gehören dem National Trust. Die Öffnungszeiten hängen von den Gezeiten ab; das Castle selbst wird momentan renoviert und öffnet wieder im April 2018.

AS

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