Phare de Tevennec
Goulphar, Belle Ile
La Vieille
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Phares: die Leuchttürme der Bretagne und Frankreichs – ein „Arc de Lumières“

Phare d'Eckmuehl
Phare d’Eckmuehl
Wer spätabends am Strand sitzt – oder beim Dessert im Restaurant des „Ar Men Du“, „Roi Gradlon“ oder „Château des Sables“ – wird, wenn er den Blick hochrichtet in die Dunkelheit vor dem Panoramafenster, dort draußen nicht viel sehen – nur einige weiße, rote oder grüne Lichtblitze. Diese lassen etwas erahnen von der großen Einsamkeit, Öde und Abgegrenztheit, die ein Leuchtturmwärter früher bei seiner Arbeit weit draußen im Meer erlebte. Die Entfernungen lassen sich im Dunkel nicht abschätzen, und von den Leuchttürmen selbst ist nichts zu erkennen. Sie gehören zu einem gigantischen Wach- und Schiffs-Leitsystem aus etwa 40 (Bretagne) bzw. fast 140 (Frankreich insgesamt) Leuchttürmen, die sich wie eine Kette um die Bretagne und um halb Frankreich legen. Aber das ist nur ein Teilabschnitt des etwa 2800 km langen, von Schottland über Irland, England, Frankreich und Spanien bis nach Portugal reichenden „Arc de Lumières“, einer Art atlantischem Bogen aus Leuchttürmen. In ihrer Welt hatte das Festland keine Bedeutung, sondern nur die Schiffe vernichtenden, tückischen Riffe und Grate unter Wasser. Das minutiöse pannenfreie Funktionieren der Leuchtapparaturen und ihre penible Wartung waren das einzige Ziel der Arbeiten im Leuchtturm. Nur die Reichweiten der Lichtsignale in Kilometern zählten – bei Tag und bei Nacht, bei Nebel und nicht-Nebel, bei Orkan und bei Windstille. Und – wenn die sichtbare Welt einmal wieder im Nebel verschwand – bis zu welchen Entfernungen die tiefen Nebelhörner der Türme zu hören waren. Die extreme Form der Einsamkeit auf Meeresleuchttürmen gibt es heute nicht mehr. Die ausgesetztesten Exemplare wurden automatisiert und arbeiten jetzt unbemannt und ferngesteuert; der Beruf des Leuchtturmwärters („gardien de phare“) stirbt allmählich aus. Aber er gehörte zu den extremsten Jobs der Welt. Am schrecklichsten war die Gardien-Arbeit in den Türmen auf offener See. Das hielt manch einer nicht lange aus: wenn wochen- oder monatelang durch üble Winterstürme kein Boot zur Versorgung oder zur Ablösung kommen konnte, bestand die Gefahr, allmählich den Verstand zu verlieren. Solche Türme hießen „Hölle“ (“enfer“). Es gibt viele gruselige Legenden und echte Katastrophenberichte über sie. Oder spektakuläre Fotos, wie die weltberühmte Aufnahme des Phare de La Jument, in dessen offener Tür ganz klein ein Wächter steht, während von hinten eine Monsterwelle bei etwa 100 km/Std. Windgeschwindigkeit gerade auf den Turm zudonnert (eine Fotografie von Jean Guichard von 1989; der Wärter konnte sich in letzter Sekunde in Sicherheit bringen). Leuchttürme auf kleinen Inseln hießen dagegen „purgatoire“ – übersetzt Fegefeuer – weil es eine gewisse Bewegungsfreiheit und eine bessere Verbindung zum Festland gab. Auf ihnen jedenfalls war die tägliche Routine nicht so hart wie in den „Höllen“. „Paradis“ wurden Leuchttürme auf bewohnten Inseln und auf dem Festland genannt. Die Bediensteten führten ein Küstenbewohner-Leben und besaßen die regionalen Möglichkeiten, am sozialen Leben teilzunehmen, Gemüse anzubauen, Nutztiere zu halten, einen Arzt aufzusuchen oder ein normales Familienleben zu führen. Genau in dieser Richtung verlief meistens der berufliche Werdegang eines Leuchtturmwärters: von der einsamen „Hölle“ kommend mit Zwischenstation im erträglicheren „Fegefeuer“ endete das Arbeitsleben letztlich in einem „paradis“ – auf einem Festland-Leuchtturm.
 
Phare Ar-Men
Phare Ar-Men (photoszam, stock.adobe.com)
Leuchttürme im Meer
Der französische Autor und Zeichner Emmanuel Lepage hat im gepriesenen Comic „Ar-Men: die Hölle der Höllen“ die ganze Geschichte des „enfer“-Turmes Ar-Men drastisch beschrieben, der von allen sechs Leuchttürmen vor der Pointe du Raz und Point du Van am weitesten draußen (fast 20 km) steht. 14 Jahre Bauzeit (1867-1881), 32 m hoch, Reichweite des Leuchtfeuers 42 km, 1988 elektrifiziert und 1990 automatisiert. Solche Leuchttürme kann und will man nicht besichtigen. „Il ne se visite pas“, oder „on ne peut pas le visiter“ steht dann im Reiseführer. Aber sie sind da; und sie sehen in der Ferne heroisch aus, fantastisch und unzerstörbar. Der viereckige Phare de la Vieille (übersetzt „die Alte“) ist ein anderer „enfer“-Turm im gleichen Gebiet. Er ist zuständig für die Sicherheit der berüchtigten Meerespassage „Raz du Sein“ zwischen Île de Sein und Pointe du Raz. Viele Schiffe auf dem Weg vom Atlantik zum Ärmelkanal müssen trotz gefährlicher Strömungen hier durch. Bis zur Automatisierung 1995 arbeiteten immer 2 Männer gleichzeitig auf La Vieille. Zwei kriegsinvalide Wärter, die sich eigentlich für Korsika beworben hatten, wurden 1925 gegen ihren Willen auf La Vieille eingesetzt… die schweren Arbeitsbedingungen, die täglichen über 100 Stufen zum Leuchtfeuer und die schlechte Versorgungslage haben sie nur knapp überlebt und wurden in völlig desolatem Zustand gerettet. Im Norden von La Vieille sitzt der Phare de Tévennec mit seinem angebauten kleinen Häuschen auf einem 14m hohen Fels sechs Kilometer weit draußen im Meer. Wegen dieser Felsinsel stuften die Behörden Tévennec zunächst als weniger hart ein und genehmigten nur einen Wächter als Besetzung. Aber die diensthabenden Männer wurden reihenweise von unerklärlichen Schreien, Stimmen und Kampfgeräuschen verfolgt. 1910 war es dann genug – der Phare wurde automatisiert. Nur eine einzige Familie hatte es vom Jahr 1900 an länger (nämlich fünf Jahre) hier ausgehalten – drei Kinder kamen auf die Welt, und sie hielten auf beengtem Raum sogar eine Kuh für die Milch, ein paar Hühner und ein Schwein. Sehr viel später fanden Taucher den Grund für die beängstigenden Geräusche: unterseeische Hohlräume im Felssockel des Inselchens. Das „Mer d’Iroise“ mit den Inseln Île d’Ouessant und Île-Molène ist die westlichste Region Frankreichs. Mit sehr starken Gezeitenströmungen und unzähligen Felsklippen ist sie äußerst gefährlich, aber wichtig für die Zufahrt zum Ärmelkanal. Leuchttürme wie Le Stiff, Créac’h, Nividic, Phare de la Jument, Kéréon, Le Four, La Point Saint-Mathieu… beleuchten die Passage du Fromveur oder den Chenal du Four. Der Bau des Phare de La Jument, des achteckigen Granitturmes 2 km südlich von Ouessant, wurde 1904 mit 400.000 Francs aus einem testamentarischen Vermächtnis begonnen. Der Spender wollte Havarien, wie die der in einer Nebelbank 1896 nachts orientierungslos auf Fels gelaufenen und innerhalb von Minuten gesunkenen „Drummond Castle“(243 Tote), zukünftig verhindern. Seine Bedingung war eine maximale Bauzeit von nur 7 Jahren nach Testamentseröffnung. Aber in dieser Rekordzeit litt die Stabilität; der Turm erzitterte und bewegte sich bei Orkanen und war unter Wärtern als die „Schlimmste der Höllen“ gefürchtet. Das Fundament musste jahrzehntelang u.a. mit Stahlseilen konsolidiert werden – die Kosten hatten sich am Ende mehr als verdoppelt. Trotz seiner Höhe von 47 m kann La Jument bei Orkan ganz unter den Wellen verschwinden. 1974 zerbarst das Leuchtfeuer; Meerwasser lief oben hinein und unten aus der Türe wieder hinaus. 1991 wurde La Jument automatisiert. Le Stiff auf Ouessant ist ein schöner, sehr alter (1695) Doppel-Leuchtturm Vaubans. Zuerst wurde er mit Unmengen von Kohle und Holz befeuert. Man kann ihn während der Schulferien, aber wegen des Zustandes nur teilweise besichtigen und er ist der zweitälteste Leuchtturm Frankreichs. Das Leuchtfeuer des schwarz-weiß gestreiften Phare du Créac’h auf Ouessant reicht 62 km weit und damit ist er der lichtstärkste Turm Europas. Die Insel Ouessant ist zwar umständlich zu erreichen (per Fähre ca 1-2 Std. von Brest oder Le Conquet, wetterabhängig). Aber ein Besuch ist ein Erlebnis. In der ehemaligen Maschinenhalle des Phare du Créac’h befindet sich das sehr interessante und erhellende Leuchtturm- und Leuchtfeuermuseum („Musée des Phares et Balises“). Es ist das einzige dieser Art in Frankreich mit einer tollen Kollektion. Man kann dort u.a. die schönste Fresnel-Linsen-Sammlung oder das Original-Karbid-Leuchtfeuer des Ar-Men sehen.
Phare Saint Mathieu
Ungefähr 35 französische Leuchttürme kann man momentan besichtigen. Einige davon in der Bretagne sind zum Beispiel: der Phare de Cap Frehel an der Côte d’Emeraude zwischen St. Malo und St. Brieuc, der Phare auf der Île-de-Batz bei Roscoff, der Phare d’Eckmühl in Penmarc’h 30 km südwestlich von Quimper, der Phare de Goulphar auf der Belle-Île. Bei Plouguerneau steht neben einem kleinen, älteren ein sehr bekannter riesiger Leuchtturm: der Phare de l‘ Île Vierge auf einem Inselchen etwa 1,5 km entfernt im Meer – ein sehr markanter Anblick; vor allem, wenn man die Möglichkeit hat, ihn im Wechsel der Tageszeiten zu betrachten. Etwa 82 m hoch (der höchste steinerne Leuchtturm Europas), mit über 380 Stufen, ist er mit einem Ausflugsschiff zu erreichen und für Besucher geöffnet. Er ist innen ganz mit 12.500 opalisierten Glaskacheln von St. Gobain – höchst ästhetisch in Art-Deco-Manier – ausgekleidet; das war zu der Zeit die beste Lösung gegen Kondensation und Feuchtigkeit im Turminneren. Am Nordwest-Ende der Bucht von Brest ist über steiler Felsküste der wunderschöne Phare de Saint-Mathieu eine einzigartige Kombination aus Leuchtturm und Ruinen einer Benediktiner-Abteil. Er ist (etwas unregelmäßig) für Besucher geöffnet. Um diesen Küstenabschnitt in Ruhe zu genießen, kann man sich daneben in der Hostellerie de la Pointe Saint-Mathieu einquartieren. In Frankreich finanzierten sich die Leuchttürme nicht aus Abgaben oder Maut der Schiffseigner, sondern aus den allgemeinen Steuern aller Bürger, ob sie im Elsaß, in Paris, Lyon oder La Rochelle wohnten, nach dem Prinzip, dass Seeleute und Fischer nicht aus eigenen Mitteln für ihre Sicherheit auf dem Meer aufkommen müssen sollten, sondern die ganze Gesellschaft. Der Aufbau und Betrieb besonders der Meereleuchttürme war oft sehr schwierig bis fast unmöglich, von Rückschlägen begleitet; er forderte Menschenleben geriet meist auch zu einem finanziellen Desaster. Viele dieser alten teuren Türme sind von Verfall und Verschwinden bedroht, denn heute werden sie durch modernste Navigationtechniken abgelöst. Aber viele staatliche und private Initiativen kümmern sich um die Erhaltung und die Zugänglichmachung, denn es wird erkannt, dass diese über die Jahrhunderte entstandenen, gigantischen Meisterwerke der Industrie-Architektur ein wichtiger und erhaltenswerter Teil des industriellen Erbes Europas sind. Man kann die umfangreiche Literatur aus Romanen, Sachbüchern und Bildbänden studieren, oder zahlreiche fantastische Filme über das Thema sehen. Aber die beste Art, sie zu erleben, ist, selbst hunderte Stufen nach oben zu steigen und von oben mit eigenen Augen dem früheren Weg der Lichtsignale über den Horizont zu folgen.
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